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Geschichte
Die schwere Zeit für
alle Berliner Chirurgen von 1961 bis 1989
Anläßlich des 75jährigen Bestehens unserer Gesellschaft 1961
hatte
Felix
, Nachfolger von Sauerbruch, begonnen, die Geschichte unserer
Gesellschaft durch Suche und Sammlung von Unterlagen zu
dokumentieren. Auch andere Vorbereitungen für das Jubiläum im
November 1961 wurden am 13. August abrupt durch den Mauerbau
unterbrochen. 1962 starb Felix. So übernahm Horst Bertram, ein
Schüler von ihm, der die Anaesthesieabteilung in der Charité
gegründet hatte, diese Arbeit. Die Festschrift konnte jedoch
erst 1963, also zwei Jahre nach dem Jubiläum, und zwar im VEB
Verlag Volk und Gesundheit, Berlin, erscheinen. Unsere
Gesellschaft wurde von den zeitgeschichtlichen Verhältnissen
unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg hart betroffen,
besonders durch den Bau der Mauer mitten durch die Stadt,
mitten durch unsere Gesellschaft. Welches Schicksal sie ereilt
hatte und wie ohnmächtig sie diesem gegenüber stand, läßt sich
angedeutet - mehr konnte nicht dokumentiert werden - aus den
Protokollbüchern und den wenigen erhaltenen Schriftstücken aus
dieser Zeit erahnen.
Den veränderten politischen Gegebenheiten fiel nicht nur die
gemeinsame Feier unseres 75jährigen Jubiläums zum Opfer,
sondern in kurzer Zeit jeglicher persönliche Kontakt. Im
Protokollbuch von 1961 können wir nachlesen, daß die letzte
Sitzung vor der planmäßigen dreimonatigen Sommerpause am 19.
Juni 1961 stattfand. Sie wurde vom seinerzeitigen ersten
Vorsitzenden v. Bramann (Westberlin) geleitet und von der
Robert-Rössle-Klinik (Ostberlin) gestaltet. Zur Diskussion
sprachen Felix, Bücherl, Linder und v. Bramann - ein letztes
bleibendes Dokument der Sektorengrenzen-überschreitenden
Gemeinsamkeit der Berliner Chirurgen. Als nächstes Dokument
ist eingeklebt eine Karte in der Druckform der üblichen
monatlichen Einladungen/Programmangaben, nunmehr mit folgendem
Text:
„Der für Montag, den 16. Oktober 1961,
vorgesehene Vortragsabend fällt aus.”
Was würde wohl im November 1961 folgen? Tatsächlich finden wir
eine mit Datum vom 10. November versehene Einladungskarte
eingeklebt für eine besondere Sitzung anläßlich des 100.
Geburtstages von
August
Bier ,
der von 1930 bis 1932 Erster Vorsitzender der Gesellschaft
gewesen war. Die Sitzung wurde für den 24. November im
Krankenhaus Westend angekündigt, dieser Tagungsort wäre gemäß
der jahrelang praktizierten Abmachungen an der Reihe gewesen.
Unterschrift Matthes, 1. Schriftführer. Auf der Gegenseite im
Protokollbuch ist eine Benachrichtigung in
Schreibmaschinenschrift vom 15. November 1961, also nur fünf
Tage später, eingeklebt mit einer Einladung aus gleichem Anlaß,
aber schon für einen Tag früher, zum 23. November, und nicht
nach Westberlin, sondern in die Charité, „Festvortrag Prof.
Dr. W. Felix”. Unterschrift ebenfalls Matthes, 1.
Schriftführer. Dann blieb eine Doppelseite im Protokollbuch
frei. Das findet man an keiner weiteren Stelle aller vier
Bände.
Wer ermißt, was in diesen Tagen geschehen ist? Man wird es nie
mehr erfahren können. Dennoch ist diese leere Doppelseite ein
bedeutendes Zeitdokument, nicht nur für unsere Gesellschaft.
Sie läutete auch den Ablauf des 75jährigen Jubiläums ein, das
in Ost und West zu erheblich verzögerten Zeiten doch noch
begangen wurde, am 26. November 1962 in der Charité, also ein
Jahr verspätet, am 8. Oktober 1963 in der Kongreßhalle
Westberlins, also fast zwei Jahre verspätet. In der Charité
hatte der inzwischen zum 1. Vorsitzenden im Ostteil gewählte
Theodor Matthes den Mut, Briefgrüße von
Linder
, der mittlerweile dem Ruf nach Heidelberg gefolgt war, und
von der „Westberliner (!) Chirurgischen Gesellschaft” zu
verlesen. Anläßlich der Feier im westlichen Berlin gelang ein
taktisches Meisterstück, das letzte zwischen den zerrissenen
Teilen unserer Gesellschaft: An jenem 8. Oktober 1963 sprach
nämlich als Festredner
Rudolf Nissen
. Für nur einen Tag später war ein Vortrag von ihm in der
Charité arrangiert. Der Hörsaal war „überfüllt”. So wurde uns
durch ihn, ein Altmitglied unserer Gesellschaft, einen längst
eingebürgerten Schweizer, noch einmal ein „Bindeglied”
geschenkt.
Noch hofften viele, daß irgendein Zusammenhalt weiterhin
möglich sei. Ansprechpartner für irgendwelche
organisatorischen Fragen mußte der 1. Schriftführer, Theodor
Matthes, Ostberlin, sein. Von ihm wurden alle Unterlagen
verwaltet, er besorgte die Druckaufträge, er hatte die
Mitgliedslisten bei sich. Besonders der 2. Schriftführer, Max
Johannsen, Westberlin, hatte noch bis 1963 einzelne
Briefwechsel mit Matthes, dessen Bemühen um Erhaltung einer
Minimalkommunikation nicht zu übersehen ist. 1964 hörte auch
die Zusendung gelegentlicher Einladungskarten ganz auf.
Zwischenzeitlich mußten zwangsläufig in beiden Teilen der
Gesellschaft neue Vorstände gewählt werden, man beschritt
endgültig getrennte Wege. Eine chronologische Liste der
jeweiligen Vorsitzenden seit Gründung 1886, später bezeichnet
als 1. Vorsitzende, findet sich im
Anhang.
Gleiches gilt für die Ehrenmitglieder und die drei
Ehrenvorsitzenden.
In die Trennungszeit fiel leider auch noch das 1OOjährige
Jubiläum 1986. Mit mehrwöchigem Abstand wurde es in beiden
Teilen Berlins feierlich begangen. Im Ostteil fand die Feier
am 20./21. November 1986 im Langenbeck-Virchow-Haus statt, zu
dieser Zeit weiterhin noch genutzt von der Akademie der
Künste. Über das aus diesem Anlaß veranstaltete großartige
Symposium mit internationaler Beteiligung wurde von Helmut
Wolff ein würdiger Buchband 1992 herausgegeben. Eine
Besonderheit im Westteil war die gelungene Einladung von
zahlreichen Familienangehörigen dreier herausragender
Persönlichkeiten unserer Gesellschaft, die zu ihren Zeiten
deren eigentliche Motoren waren: Ernst v. Bergmann, Werner
Körte und Ferdinand Sauerbruch. Aus ihren Arbeitsgebieten
leitete sich auch ein umfangreiches Kongreßprogramm ab. Die
beiden Autoren dieses Artikels verfaßten damals für die
getrennten Teile der Gesellschaft und unabhängig voneinander
jeweils Rückblicke auf die vergangenen 100 Jahre. Der
ausführlichere Artikel von Taubert wurde im Zentralblatt für
Chirurgie, der mehr orientierende von Specht im Berliner
Ärzteblatt veröffentlicht.
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